Jahreslosung 2021

Jahreslosung 2021
Bildrechte: Parament mit der Jahreslosung für 2021 von Monika Saalfrank, Stofflamination eines Bildes von Kees de Kort

Predigt vom Neujahrstag 2021

 

Pfarrvikar Sebastian Schiller
Münchberg-Helmbrechts-Sparneck

 

 

Liebe Schwestern und Brüder,

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“,
lautet die Jahreslosung für das gerade eben begonnene Jahr 2021.

Dieser kurze Vers aus dem Lukasevangelium ist ein Appell, ein Auftrag. „Seid barmherzig“, sagt Jesus Christus zu jedem einzelnen von uns.

Dieses Wort „barmherzig“, das im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr so geläufig vorkommt, klingt auf den ersten Blick ganz einfach und einprägsam.

Dieses Wort „barmherzig“ birgt aber auf den zweiten Blick eine ganze Fülle von Perspektiven.

Wie sie alle wissen, stammt dieses Wort aus dem Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“, das uns der Evangelist Lukas überliefert. Und schon in diesem Titel wird deutlich, dass es hier um verschiedene Blickwinkel geht.

Heute nennt man dieses Gleichnis nämlich meist: „Das Gleichnis vom barmherzigen Vater.“

Einmal beim Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ liegt der Blick ganz klar auf den Sohn.

Auf den Herumtreiber und reuigen Heimkehrer. Dem Partylöwen, der das Erbe des Vaters durchbringt und den fleißigen und anständigen Sohn vorführt. Der Blick ist ganz auf das Defizit gerichtet.

Es ist genau der Blick, der mich an die Frage des jungen Augustinermönches Martin Luther erinnert:

„Wie finde ich einen gnädigen Gott?“

Auf der anderen Seite richtet der Titel „Das Gleichnis vom barmherzigen Vater“ den Blick auf das Positive. Auf die Großzügigkeit und Verzeihung. Der Vater nimmt den Sohn einfach wieder auf, weil er bereut. Nicht mehr und nicht weniger.

Liebe Schwestern und Brüder,

Dieser unterschiedliche Blickwinkel ist für mich das Entscheidende beim Begriff „barmherzig“, den uns die Jahreslosung für das Jahr 2021 ans Herz legt.

Martin Luther hatte vor mehr als 500 Jahren ein bestimmtes Bild vom Begriff „Barmherzigkeit“ im Kopf, als er sich die Frage stellt: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“

Sein Blick war voll von Richtern, von Strafen und Höllenqualen. Ein Blick, der voll und ganz auf das auf das Defizit gerichtet ist. Es sind damals Bilder, die Martin Luther in seinem Leben häufig begegnet sind und die sein junges Leben geprägt und unerträglich gemacht haben.

Doch Martin Luther hat etwas ganz Entscheidendes getan:

Er ist in diesem erlernten und erlebten Blickwinkel nicht stehen geblieben.

Er ist zu einem neuen Blickwinkel gekommen, der ihm Gott wieder nähergebracht hat:

Gott IST Barmherzigkeit.

So wie es der Titel: „Das Gleichnis vom barmherzigen Vater“ ausdrücken möchte.

Wir heute am Beginn des neuen Jahres 2021 kommen oft mit anderen Erfahrungen, mit unserem Blick aus den vergangenen Wochen und Monaten auf diesen Vers aus dem Lukasevangelium.

„Seid barmherzig, wie es der Vater ist.“

Als Papst Franziskus vor wenigen Jahren „das Jahr der Barmherzigkeit“ initiiert hat, hat er dabei den Begriff „Barmherzigkeit“ vor allem mit den Werken der Barmherzigkeit übersetzt, die uns ursprünglich im Matthäusevangelium begegnen:

Hungernde speisen, Dürstenden zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke und Gefangene besuchen, Tote begraben.

Franziskus wollte damit deutlich machen, dass barmherzig sein nicht nur ein theoretisches Problem ist, sondern ganz praktische Auswirkungen haben kann.

„An die Ränder gehen“, nannte er dabei in seinem apostolischen Schreiben die Grundhandlung, die uns Menschen die Barmherzigkeit verdeutlichen sollte. Meistens sind es ja leider gerade die fehlenden praktischen Auswirkungen der Barmherzigkeit, ob zu Zeiten Martin Luthers oder in unserer Zeit, die uns zweifeln und verzweifeln lassen. Egal ob an unseren Kirchen, an unserem Staat, an ihren jeweiligen Vertretern oder an uns selbst.

Liebe Schwestern und Brüder,

Die Losung für das Jahr 2021 „Seid barmherzig, wie auch der Vater barmherzig ist.“ möchte auch unseren Blick in den ersten Schritten dieses neuen Jahres wieder weiten.

Barmherzigkeit ist Neuanfang, es ist an die Ränder gehen und den gnädigen Gott finden. Es geht dabei nicht um großartige Aktionen oder übermenschliche Gesten. Vielleicht ist Barmherzigkeit auch nur um ein gutes Wort, ein freundlicher Blick oder eine zweite Chance.

Barmherzigkeit ist ein neuer und vorurteilsfreier Blick auf verfahrene Situationen, wie uns das Lukasevangelium berichtet.

Der Vater im Gleichnis vergibt seinem Sohn. Ohne Bedingung, ohne „wenn“ und „aber“, ohne jeglichen Kompromiss.

Der Sohn muss dabei nur eines tun, das nicht unbedingt wenig ist:

Der Sohn muss bereit sein, seinen Blick aus den alten Gleisen herausheben und zum Vater gehen.

Er muss die alten Gleise verlassen und auf die grundsätzliche Güte des Vaters vertrauen.

Ich wünsche ihnen und ihren Familien, dass auch sie in diesem neuen Jahr 2021 die Barmherzigkeit des Vaters in der ein- oder anderen Situation in ihrem Leben spüren können.

Ich wünsche ihnen, dass es ihnen auch in diesem Jahr gelingt, den Blick offen zu halten- für uns selbst und für andere Menschen.

Denn Jesus Christus spricht auch zu uns: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“